Das Volk liebt sie, die Industrie liefert sie, die Politik unterstützt sie: Die Wunderdroge, die alle glücklich macht, die vom Baby bis zum Greis geliebt, geschätzt und in Unsummen konsumiert wird, gerne auch mehrmals täglich, gerne auch immer und überall.
Text: Mike Mandl, Bild: flickr.com/Rene Saarsoo
Die Wunderdroge, die man weltweit zu einem absoluten Dumpingpreis kaufen kann, ob im Supermarkt, an der Tankstelle oder im Restaurant ums Eck. Die sich in jedem Haushalt befindet. Ćber die sich jeder freut, sobald sie serviert wird. Die in allen Medien mit groĆem Aufwand beworben wird. Die mit ƶffentlichen Geldern subventioniert wird. Die weiter verbreitet und prƤsenter ist als alle anderen Drogen zusammen. Die gefƤhrlicher und todbringender ist als alle anderen Drogen zusammen. Wir sprechen von einem weiĆen, manchmal auch braunen Pulver, teilweise fein wie Staub, dann wieder grob wie Sand. Wir sprechen vom Zucker, genau genommen vom raffinierten Haushaltszucker oder Industriezucker.
Natürlich, niemand traut sich diese Form von Zucker offiziell als Droge bezeichnen. Denn was eine Droge ist und was nicht, dass bestimmt immer noch der kulturelle Kontext. Und da wir in einer Zuckerkultur leben, die sich gerne das Leben versüĆt, pinkeln wir uns nur ungern selber ans Bein. In Bezug auf Zucker wƤre es jedoch allerhƶchste Zeit, uns sogar einen festen Schlag auf den Kopf zu geben, um endlich aufzuwachen und der bitteren Wahrheit der süĆen Verführung ins Gesicht zu sehen. Zucker ist ein Suchtmittel. Mit Zucker sollte genauso sensibel umgegangen werden wie mit Nikotin, Alkohol, harten Drogen oder anderen gesundheitsgefƤhrdenden Substanzen. Denn dass Zucker in der Menge und der Form, wie er im Durchschnitt konsumiert wird, einen negativen Einfluss auf die gesellschaftliche Gesundheit hat, das ist mehr als deutlich.
Der pro Kopf Konsum von Zucker betrƤgt je nach Land zwischen 30 und 50 Kilogramm pro Jahr. Australien überschreitet teilweise sogar die 60 Kilogrammgrenze, die USA liegen knapp darunter. In Deutschland hat sich die süĆe Sucht bei einem jƤhrlichen Mittel von circa 35 Kilogramm eingependelt, das sind etwa 20 Teelƶffel pro Tag. Oder 90 Gramm. Oder knapp 23 Stück Würfelzucker. 23 Stück? Ist das nicht ein bisschen viel? Nein, das ist sogar verdammt viel. Genau genommen sogar: Zu viel!
Vor etwas mehr als 150 Jahren wurden pro Kopf nicht mehr als zwei bis drei Kilo Zucker im Jahr verbraucht. Der Konsum hat sich in der Zwischenzeit also mehr als verzehnfacht. Die kƶrperliche Belastung hingegen stark verringert. Die WHO empfiehlt nicht mehr als zehn Prozent der Kalorien aus Zucker aufzunehmen. Je nach Kƶrpergewicht wƤren das 20 bis 40 Gramm am Tag ā verzehrt wird im Schnitt jedoch mehr als das Doppelte der empfohlenen Menge. Dabei brauchen wir diesen Stoff eigentlich gar nicht. Raffinierter Zucker liefert unserem Kƶrper nichts, was er benƶtigt, keine Vitamine, keine Mineralstoffe, keine Ballaststoffe, keine sekundƤren Pflanzenstoffe, nichts auĆer jede Menge überflüssiger Kalorien. Im Gegenteil, raffinierter Zucker schƤdigt unseren Organismus sogar in genauso vielfƤltiger wie langfristiger Hinsicht.
Trotzdem rangiert diese ernƤhrungsspezifisch vƶllig wertlose Substanz konstant unter den Big Five der zu uns genommenen Lebensmitteln. Mit den zwei anderen ganz groĆen Berufskillern ā Fleisch und Milchprodukte ā liefert sich der Zucker auch gerne ein hartes Rennen um Platz drei in der ErnƤhrungspyramide der Unvernunft. Ganz oben am Podest steht ā vor allem in westlichen Industrienationen ā das von all seinen wertvollen wie wichtigen Bestandteilen befreite und daher tendenziell ebenso wertlose Auszugsmehl. Bedeutet das also, das vier von den fünf am hƤufigsten von uns vertilgten Produkte die Gesundheit weder fƶrdern noch stützen, sondern in ihrer Kombination diese vielmehr gefƤhrden, ja sogar direkt angreifen kƶnnen? Ja. Leider. Genau so ist es. Wer daran Zweifel hegt, braucht nur einen Blick auf die Bilanzen der Gesundheitssysteme werfen. Es krankt. An allen Ecken und Enden. Das ist alles andere als süĆ, das ist nƤmlich bitter, aber wahr.
DAS DICKE ENDE KOMMT NOCH
Unser Kƶrper braucht Energie, um seinen tƤglichen Aufgaben nachgehen zu kƶnnen. Wenn wir uns unsere Organ-, Muskel- und Nervenzellen wie kleine Hochƶfen vorstellen, dann ist der Zucker das Holz, dass das Feuer am Brennen hƤlt. Durch Essen sammeln wir das Holz, durch die Verdauung zerkleinern wir es und dann braucht es noch einen Zustellservice, der die gut aufbereiteten und zur Verbrennung bereiten Holzbündel dorthin bringt, wo sie benƶtigt werden. Das Hormon Insulin āverladetā den Zucker und transportiert ihn in die Zellen. Hochwertiges Holz, ein funktionierendes Verarbeitungssystem sowie ein eingespieltes Speditionsunternehmen garantieren ein lang anhaltendes wie gleichmƤĆiges Feuer in unserem Kƶrper. Der gesamte Organismus knistert und ist voller Energie. Sind aber bereits alle Hochƶfen bestens versorgt und das Speditionsunternehmen hat immer noch HolzbestƤnden zu verteilen, so wird dieser Ćberschuss klein gehackt, gepresst und eingelagert. Als Reserve für magere Zeiten oder wenn einfach einmal mehr Feuer notwendig sein sollte. Als Hauptlagerhalle dient hier die Leber, wo der eingelagerte Artikel unter Glykogen abrufbar ist. Die Leber ist jedoch eine umtriebige Fabrik und keine groĆe Lagerhalle und somit meist rasch überfüllt. Sollte also immer noch ein Holzüberschuss im System vorhanden sein, so müssenĀ neue StaurƤume geschaffen werden, bevorzugt im Bereich des Bauches, der Oberschenkel oder des GesƤĆes. Hier wird der Brennstoffartikel unterĀ dem Namen Fett eingebucht. Und in unserer modernen Zivilisation scheint ein derartiger Holzüberschuss vorhanden zu sein, dass sich eine globale Ćberfüllung der Lagerhallen beobachten lƤsst. Und zwar in einem mehr als erschreckendem AusmaĆā¦
Laut einer im JƤnner 2014Ā verƶffentlichten Studie des in London ansƤssigen Overseas Development Institute (ODI) ist weltweit bereits jeder dritte Erwachsene zu dick. In Summe sind 1,46 Milliarden Erwachsene fettleibig oder übergewichtig. In den Industriestaaten stieg die Zahl von 321 Millionen im Jahre 1980 auf 557 Millionen im Jahr 2008 deutlich an. Und zwischen 1980 uns 2008 stieg die Zahl der Betroffenen in EntwicklungslƤndern den Angaben zufolge von 250 Millionen auf 904 Millionen. In Europa sind laut der Studie 58 Prozent der Erwachsenen übergewichtig oder fettleibig, das entspricht den Raten in Lateinamerika, Nordafrika und im Nahen Osten. In GroĆbritannien sind 64 Prozent der Erwachsenen betroffen, in Nordamerika 70 Prozent.
Fazit: Weltweit gibt es bereits 30 Prozent mehr übergewichtige als unterernƤhrte Menschen. Und weil Ćbergewicht einen wahren Rattenschwanz an gesundheitlichen Problemen mit sich bringt, sterben bereits mehr Menschen indirekt durch Zuviel an Essen als direkt durch ein Zuwenig an Essen. Tendenz weiterhin steigend. Dieser Ćberschuss im Kalorienbudget wird die Volkswirtschaft bis dahin etliche hundert Milliarden Dollar kosten. New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg warnte daher im Mai 2012 : āFettleibigkeit wird zum grƶĆten Gesundheitsproblem in diesem Landā. Als MaĆnahme wollte Bloomberg ein Gesetz zum Verbot von āXXL-Bechernā mit zuckerhaltigen GetrƤnken einführen, das vorerst einmal gerichtlich gestoppt wurde ā die GetrƤnke-Industrie hatte erfolgreich geklagt. Der süĆe Saft darf weiterhin in Strƶmen flieĆen, jener süĆe Saft in Form von Soft-, Energie-, aber auch VitalgetrƤnken, der hauptsƤchlich dazu beitrƤgt, dass ganze Vƶlker quasi maĆlos überzuckert sind, weil sich die süĆe Droge kaum wo anders leichter unterjubeln lƤsst als in GetrƤnken. Und wo süĆer Saft flieĆt, ist āhonigsüĆer Durchflussā nicht weit.
Wir sprechen von Diabetes mellitus. Erhƶht sich die Konzentration von Zucker im Blut über einen bestimmten Wert, wird dieser weder verarbeitet noch eingelagert, sondern über die Nieren mit dem Urin ausgeschieden, was ihm einen süĆlichen Geschmack verleiht. In der Medizin wird zwischen zwei Arten von Diabetes unterschieden. Bei der sogenannten Jugend-Diabetes (Typ 1) zerstƶrt das Abwehrsystem des Kƶrpers die eigenen Zellen in der Bauchspeicheldrüse, die das Insulin produzieren. Der bisher als Altersdiabetes bezeichnete Typ 2 entsteht hingegen durch ein jahrelanges Ćberangebot von Nahrung verbunden mit einer unzureichenden kƶrperlichen Bewegung, also einem zu niedrigen Energieverbrauch durch nicht geforderte Muskelzellen. Der Zustellservice Insulin ist hoffnungslos überlastet. Die Mitarbeiter erliegen einem Burn Out, kƶnnen nicht mehr, legen ihre Arbeit nieder. Chaos entsteht im System. Auf der einen Seite die erschƶpften Insulin-produzierenden Zellen. Auf der anderen Seite Brennstoff überall. Holzscheite in den Zellen, Holzscheite vor den Türen der Zellen, Holzscheite, die auf den Transportwegen umherliegen, sprich eine wahre Holzscheitinvasion, um die sich keiner mehr kümmern will oder kann. Und die groben Holzscheite richten bei ihrer Reise durch den Organismus Schaden an, in den GefƤĆen, in den Nieren, in den Nerven oder am Herzen. Nicht ohne Grund ist das Infarkt- und Schlaganfallrisiko bei Menschen mit Diabetes zwei bis vier Mal so hoch wie bei Gesunden. Und weil die modere Zivilisation von Haushaltszucker überschwemmt wird, entwickeln sich unnƶtige Krankheiten wie Diabetes 2 immer mehr zu einer Zivilisationsseuche.
Derzeit leiden weltweit knapp 400 Millionen Menschen an Typ 2 Diabetes, 4,8 Millionen Menschen sterben jƤhrlich an den Folgewirkungen, Tendenz rapide steigend. Denn für Nachschub sorgt der ebenso immer gewichtigere Nachwuchs. In Deutschland hat die Zahl der übergewichtigen Kinder seit 1985 um 50% zugenommen, die der Kinder mit Adipositas um 100%Ā . In Summe sind nun 15% aller deutschen Kinder zwischen 3 und 17 Jahren von Ćbergewicht betroffen. Auch treten immer mehr FƤlle der Typ 2 Diabetes bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf, jener Form, die bislang als Altersdiabetes bezeichnet wurde. Dieser Trend kann weltweit beobachtet werden. Diabetes mellitus vom Typ 2 ist bereits jetzt eine der weit verbreitetsten Wohlstandserkrankungen der westlichen Welt. Und hat die besten Karten, zu einer Pandemie mit erschreckendem AusmaĆ zu wachsen. Kein staatliches Gesundheitssystem wird die Kostenexplosion der Diabetes Explosion lƤngerfristig tragen kƶnnen. Abgesehen von den gesundheitlichen SchƤden bei den betroffenen Personen entstehen gigantische Kosten.
In Deutschland verursacht ein Typ 2-Diabetiker das 1,3-fache (ohne Komplikationen) bis 4,1-fache (mit Komplikationen) der durchschnittlichen Kosten eines VersichertenĀ .Ā Sprich: Irgendwer zahlt immer drauf, vor allem aber der Steuerzahler. Was aber, wenn sich die Gesundheitssysteme in ihrer jetzigen Form nicht mehr finanzieren lassen, was mehr als wahrscheinlich ist? Wenn sich nichts Ƥndert, werden die ZahlĀ der von Diabetes betroffenen Menschen 2020 bereits auf 500 Millionen und die dadurch entstehenden Kosten auf schwindelerregende 700 Milliarden US-Dollar ansteigen. Und 2050 kƶnnte laut Hochrechnungen und SchƤtzungen weltweit bereits jede zehnte Person Diabetiker sein, in Europa sogar jede dritte Person. Dann erwartet uns ein dickes Ende, ein mehr als dickes Endeā¦
Im Vergleich dazu: 27 Millionen Menschen sind drogensüchtig ā also einer von 200 ErdbewohnernĀ . Und ānurā 200 000 Menschen sterben jedes Jahr an den Folgen ihrer Drogensucht. Dass Diabetes als das weitaus schlimmere Ćbel zu sein scheint, liegt auf der Hand.Ā Und wenn Diabetes vom Typ 2 nun mit einer stark überzuckerten ErnƤhrung in Zusammenhang steht, dann erübrigt sich die Frage nach der gefƤhrlichsten Droge⦠Vielmehr muss man sich die Frage stellen, wie lange uns der süĆe Weg noch sauer aufstoĆen muss, um endlich zur einzige vernünftigen Lƶsung zu kommen, zu einem Zuckerstopā¦
Natürlich: Der raffinierte Zucker alleine trƤgt nicht die Gesamtschuld. Und viele Wissenschaftler wollen dem Augenscheinlichen nicht ins Auge sehen. Oder doch. Nur: Sie sehen etwas anderes, und zwar einen gigantischen Markt, der sich hier entwickelt. WƤchst Diabetes, wƤchst die gesamte Pharmabranche, denn irgendwer muss die Medikamente ja liefern. GlƤnzende Aussichten also, eine goldene Ćra, welche die UmsƤtze mehr als nur versüĆen wird, solange sich die Menschheit nur weiterhin ja ihr Leben versüĆt, um sich lƤngerfristig die eigene Gesundheit zu versalzen.
Deswegen wird natürlich gerne und laut angezweifelt, dass ein ĆbermaĆ an Zuckerkonsum zu erhƶhtem Gewicht und erhƶhtes Gewicht in Verbindung mit erhƶhtem Zuckerkonsum zu Diabetes 2 führen kann. Reicht hier aber nicht auch unser Hausversand aus, um diesen Zusammenhang zu erfassen? Reichen aber hier nicht unsere Beobachtungen aus, um das Offensichtliche zu erkennen? Und warum sind dann gemƤss einer Studie der Credit Suisse fast 90 Prozent der praktischen AllgemeinƤrzte in den USA, Europa und Asien überzeugt, dass ein enger Zusammenhang zwischen der rapiden Zunahme von Typ 2 Diabetes und der aktuellen Fettleibigkeitswelle mit dem übermƤssigen Zuckerkonsum besteht? Und warum fƤllt es uns verdammt noch einmal so schwer, vom Zucker Abstand zu nehmen?
SĆSSE VERSUCHUNG, BĆSE VERFĆHRUNG
Eigentlich kƶnnen wir nichts dafür. Eigentlich kƶnnen wir nicht anders. Für die frühen JƤger und Sammler war der süĆe Geschmack eine nützliche Orientierungshilfe bei der Suche nach Nahrung. SüĆe in Früchten signalisiert optimale Reife und damit einhergehend beste VertrƤglichkeit sowie hochkalorische Energie. Ein saurer Geschmack kann hingegen auf bereits Verdorbenes hinweisen und die meisten dem menschlichen Organismus giftigen Substanzen schmecken bitter. Von daher zeigen schon Neugeborene eine Vorliebe für SüĆes und Aversionen gegen Bitteres und Saures. Es liegt also in unserer Natur, das SüĆe an sich zu bevorzugen, süà ist der Sicherheitsgeschmack der Evolution. Dazu kommt, dass aus evolutionsbiologischer Sicht auch nie eine Art innere Stoppschranke gegenüber einer Ćberdosis Zucker notwendig war. Im Gegenteil, für die frühen JƤger und Sammler war kalorienreiche Kost ein seltenes Geschenk, dass ausgekostet werden musste. Wer wusste schon, wann der Gabentisch wieder so reich gedeckt sein würde? Und: Die Früchte der Frühzeit waren weit weniger süà als ihre speziell auf den Zuckergehalt hochgezüchteten Nachkommen. Genetisch ist unser Geschmacksinn also auf einen weitaus geringeren Zuckergehalt kalibriert. Sprich: Es macht Sinn, soviel SüĆes wie nur irgendwie mƶglich zu sich zu nehmen.
Damals machte es Sinn. Weil auf Zeiten der Fülle Zeiten der Leere folgten. Und die Kalorien durch die viele Bewegung rasch wieder verbrannt wurden. Aber heute? Heute, wo dank globalem Handel jeden Tag Erntezeit ist, wo wir nicht mehr mithilfe unseres Geschmacks zwischen giftigen oder ungiftigen Lebensmitteln unterscheiden müssen, wo wir mit einem Ćberangebot an Nahrungsmitteln konfrontiert werden, wo wir unsere Kƶrper sowenig bewegen wie noch nie im Laufe der Menschheitsgeschichte ā heute wurde aus dem einst evolutionƤrem Sinn ein fataler Unsinn. Die Zivilisation hat die Evolution überholt. Denn die Evolution hat nicht damit gerechnet, dass ein groĆer Teil der Menschheit einmal in einem unfassbaren Versorgungsparadies leben würde. Unser instinktiver Hang zum SüĆen sichert also nicht mehr unser Ćberleben, er gefƤhrdet dieses sogar.
Denn ein gesamter Industriezweig spielt vorzüglich mit unserer entwicklungsgeschichtlichen Vergangenheit, versetzt mƶglichst viele Produkte mit süĆem Geschmack, dem wir uns aufgrund unserer genetischen Programmierung nur schwer widersetzen kƶnnen. Die Folge: Wir konsumieren mehr, als wir eigentlich müssten bzw. sollten. Das lƤsst die Kassen klingeln. Und den Umsatz so zuverlƤssig wachsen wie den Wohlstandsbauch.
Begonnen hat diese Entwicklung in den sechziger Jahren. Nach zwei Weltkriegen sollten Rationierung und MƤssigung der Vergangenheit angehƶren. Endlich Ruhe, endlich Friede, endlich Fülle. Als die Zunahme von Herzkrankheiten und anderer chronischer Probleme in den siebziger Jahren Besorgnis erregte, wurde auf der Grundlage begrenzter wissenschaftlicher Beweise das Fett als Verursacher ausgemacht. Um den guten Geschmack von Lebensmitteln zu bewahren, wurden die im Fett enthaltenen Kalorien durch Zucker oder Glucose-Fructose-Sirup ersetzt. Zucker oder auch SüĆungsmittel auf Maisbasis sind unglaublich günstig herzustellen. Deswegen kann die Lebensmittelindustrie auch so verschwenderisch damit umgehen und den groĆen Zuckerstreuer über fast alle Lebensmittelgruppen schwenken. Im Business spricht man vom ROI. Von āreturn on investementā. Und dieser rechnet sich beim Zucker ganz gewaltig. Eine billige Zuckerzugabe kann bei Lebensmitteln zu erhƶhtem Konsum führen. Also zu erhƶhtem Umsatz. Also zu erhƶhtem Gewinn. Bei geringer Investition. Binnen weniger Jahrzehnte ist es der Lebensmittelindustrie in den USA gelungen, soziale Normen komplett zu verƤndern. Mittlerweile gilt es normal, mehr oder weniger überall zu essen: Im Auto, am Schreibtisch, in der U-Bahn, beim Gehen. Der Zugang zum Essen ist leicht wie noch nie. Eine Entwicklung, die lƤngst auch andere Kontinente erfasst hat. Aber trickreiche Verkaufsstrategien allein kƶnnen kaum erklƤren, warum so viele Menschen beim Essen das gesunde MaĆ verlieren. Das liegt vor allem am Zucker.
Ob Ketchup oder Fertigpizza, ob Leberwurst oder Joghurt, ob Corn Flakes oder Vollkornbrot, ob Tiefkühlpommes oder Dosenbohnen, ob saure Gurken oder Fertigsuppe, ob Salatdressing oder Nudelsauce, ob SalzgebƤck oder Senf: Zucker wird fast allen Lebensmittelgruppen untergejubelt, sogar mit dem Segen des Gesetzgebers. SchlieĆlich mƶchte sich der Konsument, auch wenn er einen süĆen Zahn besitzt, zumindest etwas gesünder ernƤhren und was Zucker in der Packung FischstƤbchen zu suchen hat kƶnnte genauso unangenehme Fragen wie unangenehme Antworten wie unangenehme Konsequenzen heraufbeschwƶren. Daher wird der für die Gesundheit offensichtliche Feind unter Codenamen in die alltƤgliche Nahrungskette eingeschleust. Die Zutatenliste erwƤhnt nicht den Zucker, sie spricht lieber von Saccharose (Haushaltszucker), Maltose (Malzzucker), Laktose (Milchzucker), Fruktose (Fruchtzucker), Glukose (Traubenzucker), Invertzucker (Fruktose-/Glukose-Gemisch), Dextrose, Maltodextrin oder Dextrinen. Niemand merktās, wohl bekommās.
Dazu gesellen sich all jene Produkte, bei denen von vornherein klar ist, dass sie Zucker enthalten, wir es aber aus welchen Grund auch immer nicht wahrhaben wollen, welche Zuckerbomben wir hier freiwillig auf unser System loslassen. Marmelade, Schokolade, GummibƤrchen, Kakaopulver ā teilweise bis zu 70% reiner Zucker. Sie sagen Kinderkram? Apfelsaft, Orangensaft, Softdrinks, aber auch die als so gesund gepriesenen industriellen Smoothies: Selten ein Drink, der weniger als 10% reinen Zucker enthƤlt. Und: Beim Konsum zuckerhƤltiger GetrƤnke stellt sich das SƤttigungsgefühl, wenn überhaupt, nur für eine kurze Zeit ein. Drinks mit 1000 Kalorien lassen sich schnell und leicht hinunterschütten. Sogar nach dem Essen. Auf den Tag hochgerechnet ergibt die Summe aus versteckten und offensichtlichen Zuckern dann jene 90 Gramm reinen Zucker, die auf das Jahr hoch gerechnet jene 35 Kilogramm Zucker ergeben, die Zucker in unserer Gesellschaft nicht zu einem mit Bedacht zu verwendenden Genussmitteln machen, sondern zu einem mehr als zweifelhaften Grundnahrungsmittel, vielleicht sogar zu einem gefƤhrlichen Suchtmittel.
SĆSS, SĆSSER, SĆCHTIG
Bart Hoebel, Professor für Psychologie an der amerikanischen Princeton-UniversitƤt, hat mit einem spannenden Experiment für Aufmerksamkeit gesorgt: Zucker kann wie eine Droge wirken. Zumindest bei des Professors Ratten. Diesen wurde zuerst einmal das Frühstück entzogen. Der anschlieĆende HeiĆhunger wurde mit etwas Futter und jeder Menge Zuckerwasser gestillt. Ein Wohlgefühl für die Ratten, das den Dopaminspiegel speziell im Belohnungszentrum des Gehirns in die Hƶhe schieĆen lieĆ, Ƥhnlich wie es Alkohol, Nikotin oder harte Drogen zu bewerkstelligen vermƶgen. Mit der Zeit gewƶhnten sich die Ratten jedoch an die hohen Dopaminlevel, und das Gehirn verringert die Anzahl der Andockstellen für den Botenstoff. Um das gleiche angenehme Gefühl auszulƶsen, brauchten die Tiere also mehr Zucker ā der Suchtkreislauf begann, mit viele für ein Suchtverhalten relevanten Begleiterscheinungen wie Entzugserscheinungen, eine hohe āRückfallsquoteā oder der Neigung zu āErsatzdrogenā. Nach vier Wochen ZuckerernƤhrung zeigten die Gehirne der Nager Ƥhnliche VerƤnderungen wie Artgenossen, die harte Drogen bekamen. Hoebel meint, dass zwar noch sehr viel mehr Studien nƶtig seien, um das Suchtpotential von Zucker, vor allem für den Menschen, tatsƤchlich einschƤtzen zu kƶnnen. Jedoch hat sich gezeigt, dass klassischer Drogenmissbrauch und ein starkes Verlangen nach bestimmten Nahrungsmitteln nicht zwei verschiedene Dinge sind, sondern lediglich zwei Seiten der gleichen Medaille.
Andere Forscher sprechen wiederum davon, dass der GeschmackstrƤger Zucker eine Art Sucht auslƶsen kann. Denn von kleinauf an werden wir mit Zucker konditioniert. Schon der Tee für Babys wird mit Zucker versetzt, genauso die Babynahrung. Immer serviert mit einem LƤcheln und Liebe und viel Lalala. Und dann? Wann immer wir etwas Besonderes leisten oder sich etwas Besonderes ereignet, wird uns dieses versüĆt, denn SüĆes ist wohl die klassischste aller Belohnungen, die unangefochtene Kƶnigin der sinnlichen Befriedigung. Für gute Schulnoten gibt es eine Tafel Schokolade, für Mithilfe im Haushalt ein paar Bonbons. Zum Geburtstag eine groĆe Torte. Zu Halloween SüĆes, sonst droht das Saure. In der Weihnachtszeit Tonnen von Keksen. Wir dürfen uns also nicht wundern, wenn der süĆe Geschmack so sehr mit einem Gefühl des Wohlbefindens verknüpft ist. Zudem kommt, dass das bei der Zuckerverdauung involvierte Insulin die Bildung des als Glückshormon bezeichneten Serotonin aktiviert. Zucker macht uns also wirklich glücklich. Und wenn uns das Glück einmal im Stich lƤsst, wenn also der Dopaminspiegel in den Keller rasselt und sich das Serotonin aus der Hintertür verabschiedet, wenn uns der oder die Liebste gerade verlassen hat, wenn harte Zeiten an die Tür der Komfortzone klopfen, wenn man also gerade in den sauren Apfel des Seins beiĆen oder die salzige Suppe der Ungerechtigkeit auslƶffeln musste, was hilft, was trƶstet, was spendet Zuversicht? Richtig: SüĆes! Wir hƤngen Zucker wie der Junkie am Heroin.
DER ZUCKERBLUES
Der erste Schuss erfolgt gleich zu Beginn des Tages. Was wir als Morgenmüdigkeit bezeichnen, ist vielmehr ein Kurzentzug. Daher bitte rasch: Brot aus vitalstoffreiem Auszugsmehl, dazu Marmelade und natürlich Kaffee. Mit Zucker bitte. Das war wir gemeinhin als Wachwerden verstehen ist vielmehr ein unsanftes Wachrütteln via vorsƤtzlichem Zuckerschock. Durch die Flut an schnellem Zucker, die sich in einem klassischen Frühstück befindet, schnellt der Blutzuckerspiegel an der Decke des Zumutbaren. Der Organismus muss auf solche Spitzenwerte reagieren, deswegen pumpt die Bauchspeicheldrüse alles an Insulin in das System, was ihr zu Verfügung steht, denn soviel energiereiches Holz gehƶrt schnellstens zu den Hochƶfen der Zellen transportiert bzw. weiterverarbeitet. Hurra, wir brennen wieder, endlich sind wir munter. Nur: Raffinierter Haushaltszucker verhƤlt sich zu hochwertigem Zucker mit mehrfachen Zuckerketten wie Stroh zu Buchenholz. Buchenholz verbrennt lange und stark und bildet einen wƤrmenden Glutstock. Stroh erzeugt Strohfeuer. Ein kurze IntensitƤt ohne Substanz. Zurück bleibt nur ein HƤufchen Asche. Die Brenneinheiten der Zellen kühlen rasch wieder aus und fordern Nachschub. Denn der Zustelldienst Insulin hat ganze Arbeit geleistet und der Blutzuckerspiegel liegt nun am Boden, der Kƶrper ā und hier vor allem das auf Zucker angewiesene Gehirn ā fordert Energie. Warum also nicht einmal bei der Lagerhalle Leber nachfragen, die ja in weiser Voraussicht Glykogen eingelagert hat. Um rasch an diese Reserven heranzukommen, stoĆen die Nebennieren Adrenalin und Cortison aus. Optimal unterstützt wird dieser Prozess mit einer Tasse Kaffee. Kaffee mit Zucker, wenn schon. Denn Kaffee regt ebenfalls die Adrenalinausschüttung in den Nebennieren an.
Ćberhaupt ist die beste Antwort auf eine beginnende Unterzuckerung, die sich gerne in der ersten vormittƤglichen Arbeitspause aufdrƤngt und sich durch Anzeichen wie KonzentrationsschwƤche, Unruhe oder HeiĆhungerattacken bemerkbar machen kann, ein neuerlicher Zuckerschub. Ihre Leber freut sich darüber, ehrlich. Sie schwillt an vor Stolz, weil sie noch mehr Zucker aufnehmen darf. Und noch mehr. Und noch mehr. Und: Man muss PrioritƤten setzen. Andere unwesentliche Aufgaben wie die Eliminierung von Schad- und Giftstoffen aus dem Kƶrper kƶnnen gerne vernachlƤssigt werden. Denn das spielt ja eigentlich auch keine Rolle mehr.
Denn wenn Glucose in Energie umgewandelt wird, entstehen in den Zellen SƤuren. An sich kein Problem, werden diese doch mit einem Vitamin B1-haltigen Enzym neutralisiert. Nur: Woher B1 nehmen, wenn nicht aus der Nahrung stehlen? Und wenn die Nahrung bankrott, weil einfach wertlos ist, dann⦠Ja dann freuen sich die SƤuren im Kƶrper. Und der Kƶrper wird sauer. An sich kein Problem, wird die überschüssige SƤure doch mit Kalzium gebunden, um ausgeschieden werden zu kƶnnen. Nur: Woher Kalzium nehmen, wenn nicht aus der Nahrung stehlen? Aber hatten wir das nicht schon, bankrotte Nahrung⦠Daher lieber den Knochen, den ZƤhne oder den GefƤsswƤnden Kalzium entziehen. Und dann noch das Adrenalin im System, und das Cortisol⦠Der Kƶrper steht zunehmend unter Stress. Der Kƶrper wird zunehmend geschwƤcht. Der Kƶrper wird zunehmend ausgelaugt. Vor allem, wenn wir mehrmals tƤglich unseren Blutzuckerspiegel in den Himmel und in die Hƶlle schicken ā sprich wenn wir uns also den ganz ānormalenā Gepflogenheiten einer ganz ānormalenā ErnƤhrung hingegen.
Die Wissenschaft zeigt sich natürlich skeptisch. Alles halb so wild. Bei einer ausgewogenen Ernährung verträgt ein gesunder Organismus die empfohlene Menge an Zucker. Natürlich. Nur: Wo ist die ausgewogene Ernährung, wo der gesunde Organismus? Warum ist eine deutliche Zunahme von Krankheiten, die mit einem nicht mehr richtig funktionierenden Immunsystem in Verbindung stehen zu beobachten, warum die deutliche Zunahme von Menschen mit einer Fettleber, bereits auch in jungen und jüngsten Jahren. Und warum auch die deutliche Zunahme von psychischen Belastungen wie zum Beispiel Stress, Burn Out oder Angststörungen? Warum?
Neben den offensichtlichen ZusammenhƤngen zwischen erhƶhtem Zuckerkonsum und gesundheitlichen Beschwerden hat Zucker noch eine viel subtilere Wirkung auf unser Wohlbefinden. Das ist tausendfach erwiesen. Jedes Elternteil, dass seinen Fortpflanz schon einmal von einer Kindergeburtstagsparty geholt hat, hat an dieser Studie teilgenommen. Jedes Elternteil kommt zu demselben empirischen Ergebnis. Jedes Elternteil hat ein klein wenig Angst vor solchen Veranstaltungen. Man gibt halbwegs normale Kinder ab. Und bekommt kaum mehr zu bƤndigende wie auĆer sich seiende Lebewesen zurück. Wenn sie keinen groĆen Garten, einen Boxsack im Keller oder Beruhigungsmittel in der Familienpackung haben (nicht für die Kinder, für Sie), dann stehen meist harte ein bis zwei Stunden bevor, bis der süĆe Spuk vorbei ist und die Kindern müde zusammenfallen, wie ein Ballon, dem die Luft entweicht. Kindergeburtstage sind die perfekte Bühne für die Hochschaubbahn des Zuckerschubs. Eine hochkonzentrierte Ladung nach der anderen. Der Organismus spielt verrückt, das Nervensystem ebenfalls. Es kommt zu NervositƤt, Reizbarkeit, AufmerksamkeitsschwƤche, aber auch zu Kopfschmerzen, Ćbelkeit oder Erschƶpfung. Kinder sind transparent. Bei Kindern kƶnnen ihren inneren Zustand schwer verbergen.
Erwachsene schon. Aus NervositƤt wird inneren Unruhe. Aus Reizbarkeit unterdrückte Aggression. AufmerksamkeitsschwƤche resultiert in Ćberlastung, das Zuviel an Energie in einer Rastlosigkeit, die unsere modernen ā und überzuckerten Zeiten ā prƤgt. Stress ist das am zweithƤufigsten genannte arbeitsbedingte Gesundheitsproblem in Europa, wie die EuropƤische Beobachtungsstelle für berufsbedingte Risiken erklƤrt. Die globale Krankheitslast durch psychische Erkrankungen ist zwischen 1990 und 2010 um 37,6% gestiegen. Weltweit leiden etwa 450 Millionen Menschen an psychischen Erkrankungen, allein in Europa sind es rund 165 Millionen, was der europƤischen Volkswirtschaft circa 798 Milliarden Euro kostet. Die Ursachen: Die verƤnderte Arbeitswelt, die Unsicherheiten in den Zeiten der Wirtschaftskrise, die steigenden Belastungen. Nie jedoch die innere Ćkologie. Obwohl die im Rahmen dieser psychischen Erkrankungen immer wieder auch Symptome wie Ermüdung, Ćngstlichkeit, Leistungsschwankungen, innere Anspannung, mangelnde Konzentration, Reizbarkeit, NervositƤt oder Aggression im Mittelpunkt stehen. Kommen ihnen diese ZustƤnde mittlerweile nicht bekannt vor? Kann es sein, dass der Zucker auch hier seine süĆen Finger mit im Spiel hat? Dass das das Knall der bitteren Peitsche ist, der auf das süĆe Zuckerbrot folgt? Mein Vorschlag: Glauben sie weder mir, noch der Wissenschaft noch sonst jemanden. Hƶren sie einfach einmal damit auf, raffinierten Zucker zu essen. Jetzt.
HĆREN SIE AUF! JETZT!
Hƶren sie auf Zucker zu konsumieren. Lassen sie ihn einfach weg. Tun sie es. Durchforsten sie ihre Küche. Welche Lebensmittel enthalten raffinierten Zucker, welche GetrƤnke enthalten Zucker? Weg damit. Verschenken sie diese oder brauchen sie diese noch auf, nur: Kaufen sie keine zuckerhƤltigen Lebensmittel nach. Sie brauchen keinen raffinierten Zucker und sie brauchen keine Produkte mit verstecktem Zucker. Raffinierter Zucker ist wertlos. Raffinierter Zucker schadet ihren ZƤhnen, ihren Stoffwechsel, ihrer Figur, ihrer Psyche. Zucker kann zuĀ Magen- und Darmproblemen, BlƤhungen, Durchfall und Verstopfungen, Haarausfall, Hautkrankheiten oder Pilzbefall führen. Hƶren sie daher einfach auf. Meiden sie schnelle Kohlenhydrate wie Auszugsmehl oder Produkte aus Auszugsmehl. Meiden sie weiĆen Reis. Und meiden sie auch stark stƤrkehaltige Lebensmittel wie Kartoffeln. Meiden sie wirklich jede Prise davon, meiden sie jedes Gramm. Keine Angst. Es wird ihnen nichts passieren. Sie werden sehen, ihr Speiseplan wird wird nicht unter Zuckerfreiheit leiden. Sie zu Beginn vielleicht schon.
Zum einen werden wir schnell einmal damit konfrontiert, wie sehr raffinierter Zucker auf seine raffinierte Art und Weise unseren Lebensmittelmarkt und unsere Gewohnheiten mit seinen süĆen Fingern im Griff hat: Drogendealer überall, Drogen überall. Kaum ein Produkt, das nicht damit versetzt wƤre. Zuckerhaltige Produkte haben einen ƤuĆerst wichtigen Stellenwert in der tƤglichen Routine der modernen Zivilisation. Auf Zucker zu verzichten heiĆt auch, diese Routine zu durchbrechen. Das morgendliche Marmeladebrot, der Vormittagskaffee, das Fertiggericht zu Mittag, das Dessert, der Nachmittagskuchen⦠Es ist jedoch wichtig, diese bittersüĆe Routine zu durchbrechen, weil sie eine Sackgasse darstellt, an deren Ende eine Klagemauer für unsere auf dieser Reise entstandenen gesundheitlichen Probleme wartet. Viel weniger als der Kƶrper wird unsere Willenskraft gefragt. Ja, es ist nicht leicht, oder? Der Geist ist unruhig. Die Konzentration leidet. Das Wohlbefinden setzt eine saure Miene auf. Ein bisschen Schokolade kann doch wirklich nicht so schlimm sein. Oder eine Tasse mehr Kaffee. Der Kƶrper wird mir schon sagen, was er braucht. Genau. Zwei Tage war ich schon brav, jetzt kann ich mir doch etwas gƶnnen. Genau. Ersatzhandlungen, RückfƤlle und ein Denken, dass sich ein bisschen im süĆen Kreis dreht. Sind wir vielleicht doch zuckersüchtig? Wobei der Verzicht auf Zucker nicht gleichzusetzen ist mit einem Verzicht auf SüĆes.Ā Wohlgemerkt, wir sprechen immer vom raffinierten Zucker. Es gibt auch anderen Zucker. Wichtig ist nur: Bitte bleiben sie dabei, hƶren sie auf. Jetzt.
SĆSS IST NICHT GLEICH SĆSS. ODER: ENDLICH RUHE
Wir haben vom raffinierten Haushaltszucker als Stroh gesprochen, das für unsere Energiegewinnung kurz aufflackert, aber auch genauso schnell wieder verpufft. Deswegen sind wir ja gezwungen sooft nachzulegen. Was wäre aber, wenn wir dem Verdauungsfeuer nicht Strohhalme, sondern genauso hartes wie hochwertiges Holz liefern würden? Es gibt ein solches Holz. Oder sagen wir so: Eigentlich sind wir sogar für ein solches Holz geschaffen. Wir sind für hochwertige Kohlenhydrate geschaffen. Hochwertige Kohlenhydrate bestehen aus mehreren Zuckermolekülen (Polysaccharide). Haushaltszucker nur aus zwei (Glukose und Fructose). Gerne wird hier auch von Zuckerketten gesprochen. Je kürzer die Zuckerketten, desto mehr ähnelt das Nahrungsmitteln dem schon erwähnten Stroh. Es muss nicht mehr zerkleinert werden, kann direkt in das Feuer geworfen werden. Worauf der Blutzuckerspiegel genauso wie ein Strohfeuer rasch hochlodert.
Langkettige Kohlenhydrate sind wie BƤume, die zuerst verarbeitet und zerkleinert werden müssen. Ein Stück nach dem anderen. Das braucht Zeit. Das Feuer brennt derart konstanter und lƤnger. Der Blutzuckerspiegel steigt stetig an, der Insulinspiegel bleibt auf einem konstanten Niveau, die Energieversorgung geschieht über einen lƤngeren Zeitraum hinweg. Damit kann der Kƶrper bestens umgehen. Zudem liefern komplexe Kohlenhydrate meist auch wichtige NƤhrstoffe wie Ballaststoffe, Mineralstoffe und Vitamine, NƤhrstoffe, die den Kƶrper teilweise auch bei der Verbrennung von Zucker stützen ā anstatt ihm diese zu entziehen.
Von daher: Es liegt nun an Ihnen. Wollen Sie weiterhin im Zuckerblues feststecken, wollen Sie seiner Launenhaftigkeit ausgesetzt und selber launenhaft sein? Wollen Sie langfristige gesundheitliche SchƤden riskieren? Wollen Sie das wirklich? Oder wollen Sie ruhig, zufrieden und energiegeladen sein? Es liegt an Ihnen. Sie brauchen nur auf raffinierten Zucker zu verzichten. Jetzt.
AUSSTIEG AUS DER ZUCKERSUCHT
Ā ā Achtung auf zuckerhaltigen GetrƤnke
Streichen Sie gezuckerte GetrƤnke: Softdrinks, zuckerhaltige Tees, zuckerhaltige SƤfte. Und ja, sogar die modernen Wellness-MineralwƤsser enthalten oft Zucker.
ā Koffein und Alkohol meiden
Koffein und Alkohol fƶrdern die Entstehung von Blutzuckerschwankungen und somit die Entstehung von Unterzuckerphasen und HeiĆhungerattacken. Daher gilt auch hier: Lassen sie diese GetrƤnke weg. Komplett.
Ā ā Zutatenlisten lesen & Fertigprodukte meiden
Lesen Sie beim Einkauf die Etiketten der Produkte. Achten sie auch darauf, unter welchen Namen Zucker untergejubelt wird: Saccharose (Haushaltszucker), Maltose (Malzzucker), Laktose (Milchzucker), Fruktose (Fruchtzucker), Glukose (Traubenzucker), Invertzucker (Fruktose-/Glukose-Gemisch), Dextrose, Maltodextrin, Dextrin⦠Vor allem in Fertigprodukten kƶnnen sie zugesetzten Zucker kaum vermeidenā¦
ā Auf hochwertige Kohlenhydrate setzen
Hochwertige Kohlenhydrate liefern lang andauernden Brennstoff und finden sich vor allem in Vollkornprodukten, Getreide (um Gluten zu umgehen, am besten auf Naturreis setzen), Hülsenfrüchten aber auch in Obst und Gemüse oder Sojaproduktenā¦
ā Kauen, kauen, kauen
Wir sollen unser Brot trinken. Und unser Wasser Essen. Sprich gut kauen und Zeit lassen. TatsƤchlich: Je lƤnger man Brot oder Vollkorngetreide kaut, desto süĆer beginnt es zu schmecken. Verantwortlich dafür sind die im Speichel befindlichen Enzyme, die bereits im Mund die langen Kohlehydrate aufspalten. Zudem erhƤlt das Gehirn wertvolles Feedback: Wir essen. Was eine Kaskade an Mechanismen im Gang setzt und das System derart optimal auf den Verdauungsprozess vorbereitet. Dadurch kƶnnen wir einen hƶheren NƤhrwert aus der Nahrung extrahieren. Und: Wer gründlich kaut, ist satt, wenn er genug gegessen hat.
Ā ā Frühstücken wie ein/e Kaiser/in
Das Frühstück ist die Basis des Tages. Man kƶnnte auch sagen: Die Fabrik wird zum Leben erweckt. Je sorgfƤltiger wir das tun, desto reibungsloser alle weiteren Prozesse. Um die vormittƤgliche Unterzuckerung und die damit einhergehende Versuchung nach dem schnellen Kick zu umschiffen, sollte bei Frühstück vor allem eines vorhanden sein: Zeit. Den Rest wissen Sie schon: Hochwertige Kohlenhydrate. Und kauen, kauen, kauenā¦
Ā ā Mild würzen
Nach einem lauten Rockkonzert drƶhnen die Ohren. Durch die überwürzte Nahrung ist unser Geschmacksempfinden einem RundumdieUhr-Rockonzert ausgesetzt, bei dem die hƤrtesten aller harten Bands mehr oder weniger gleichzeitig um Aufmerksamkeit buhlen. Kein wunder, dass wir Extreme brauchen, um überhaupt noch etwas zu schmecken. Extrem salzig. Extrem süĆ. Extrem scharf. Extrem bitter. Meiden sie daher solche Konzerte wenn sie auf die Dauern nicht taub werden wollen. Meiden sie Fertigwürzen, Fertigsaucen, Fertigaromen. Meiden sie alles Produkte mit GeschmacksverstƤrkern. Reduzieren sie Salz in der Küche. Erfreuen sie sich an den sanften Tƶnen. Sie werden sehen: Nach einiger Zeit empfinden ihre Sinne ein geschmackliches Rockkonzert nicht als Genuss, sondern als genauso rohen wie primitiven Schock.
Ā ā Bewegung
Den Cocktail, den wir im Kopf benƶtigen, um dem Zucker die kalte Schulter zu zeigen, kƶnnen wir uns zum grƶĆten Teil auch selber mixen. Oder schütteln. Hauptsache Bewegung. Denn Bewegung unterstützt die Serotoninausschüttung. Ausreichend Serotonin im Kƶrper macht ruhig und ausgeglichen. Und glücklich. Sprich: Das Leben bekommt seine SüĆe von innen. Und braucht daher weniger von auĆenā¦
ā Frischluft tanken, SonnenbƤder nehmen
Raus in die Natur. Den Sonnenschein genieĆen. Tief durchatmen. Am besten tƤglich. Geben Sie sich einen Ruck. 15 Minuten sind ausreichend und jeden Tag mƶglich. 30 Minuten besser. Und wenn Sie die Woche komplett im Würgegriff hat, dann zumindest am Wochenende. Sonne und Frischluft beeinflussen ebenfalls unseren Serotoninhaushalt. Warum wohl ist die Lebenslust eher im Süden zuhause?

